Als der Badmeister nicht
schwimmen konnte...
Die Gemeinde Schwyz sucht einen neuen
verantwortlichen Leiter für das gemeindeeigene Seebad in Seewen
Die Gemeinde Schwyz sucht für das Seebad in Seewen, dem Freizeittreffpunkt im Sommer schlechthin, per Saison 2005 einen neuen verantwortlichen Betriebsleiter. Joe Reichmuth, der umsichtige Badmeister, Wirt, Grillwart, Aufseher, Betriebswart und Ansprechpartner für alle zwischenmenschlichen Probleme, geht in Pension; für ihn wird ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin gesucht. Gelegenheit, einen Blick in die Vergangenheit der geschichtsträchtigen Badi und seiner Badmeister zu tun.
Von Peter Rickenbacher
Berufe gäbe es viele, doch er habe den schönsten gehabt. Wer dies sagt ist kein geringerer als Badmeister in Bald-Pension, Joe Reichmuth-Etter vom grössten Innerschwyzer Seebad. Seit 1979 leitete er mit zahlreichen Helfer/innen aus Familie, dem Bekanntenkreis und vor allem auch aus der SLRG (Schweiz. Lebens-Rettungs-Gesellschaft) den grössten Freizeitpark in der Gemeinde Schwyz. Bis zu 90'000 Personen (Rekordsommer 2003) strömen jährlich in der Zeit von Muttertag bis Bettag an die Gestaden des Lauerzersees; und alle wollen ihren Plausch. Man verlässt sich dabei auf die Arbeit des Badmeisters, der die Badigäste betreut, beaufsichtigt, umsorgt und für deren Wohl schaut. Eine verantwortungsvolle und nicht immer leichte Aufgabe. Denn viele Eltern verlassen sich auf die Badaufsicht, vertrauen sie ihre Kinder doch einfach dem Badi-Team an. Das ist in Seewen seit bald 100 Jahren schon so.
Blick in die
Badi-Geschichte
Der Beruf des ‚Badmeisters’ – früher war es ein Bad-Aufseher – geht in Seewen
zurück bis ins Jahr 1913. Zwar wurde schon die Zeit davor im Lauerzersee
gebadet, doch dies nicht unter ‚behördlicher’ personeller Aufsicht. Hinlänglich
bekannt ist, dass Seewen als Badeort mit seinen Heilbädern schon seit 1710 immer
wieder erwähnt wurde; gebadet wurde aber stets in den Badehäusern der damaligen
Hotellerie. Erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird in Prospekten auch das
Baden im Lauerzersee angepriesen. Eine landschaftlich herrliche Umgebung und
angenehme Wassertemperaturen hatten ihren besonderen Reiz und Ärzte der Region
sprachen (und sprechen heute noch!) dem Seewasser heilende Kräfte zu. Allerdings
war das Badevergnügen Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19.
Jahrhunderts keine Selbstverständlichkeit. Im Gegenteil, baden im See wurde als
‚unsittlich’ abgetan. Trotzdem schaffte es ein Initiativkomitee 1853, eine
Aktiengesellschaft zur Errichtung eines Männerbades in Seewen zu gründen. Man
wollte damit das Baden im See als eine – wenigstens für Männer – ehrbare
Angelegenheit fördern. Im gleichen Jahr wurde das erste Badehaus ausserhalb des
Gründelisbach (Richtung ‚Seemattli’) direkt am Lowerzersee in Betrieb genommen.
Bau der ersten ‚Badi’
und behördliche Verfügung von Benimm-Regeln
Im gleichen Jahr, also 1853, verabschiedete der
Schwyzer Bezirksrat am 18. Juni ein „Reglement über Badezeit, Badeordnung,
Aufsicht, Kleidung und Badepolizei“. Es durfte nur dann gebadet werden, wenn
eine „hiefür bestellte Aufsichtsperson“ anwesend war. Ein eigentlicher
Bademeister wird aber bis zum Bau des zweiten – 1913 neu gezimmerten grösseren
Badhauses – nie erwähnt. Gebadet werden durfte grundsätzlich täglich von 6 bis
10 und an Nachmittagen von 3 bis 7 Uhr. Genauer nahm man es dagegen mit der
Bademode. So heisst es im § 20 der Badeordnung: „Die Badekleider bestehen
entweder in einem Paar Badehosen, die von den Schenkeln bis an die Lenden
reichen, oder einem Badetuch, welches mittels einer Schnur um die Lenden
befestigt und wovon das eine Ende zwischen den Schenkeln durchgezogen und obern
durch die Schnur geschürzt werden kann.“ Und zudem in § 24: „Unsittliches
Reden, schamloses Baden, zügelloses Benehmen, Lärmen und zotenhaftes Betragen
ist streng untersagt.“ Bis heute sind diese Bad-Regeln nicht amtlich
widerrufen worden…
Mit dem Bau des 2.
Badhauses kam der erste Badmeister…
Der Bau des zweiten Badhauses in Seewen war die Folge eines Unfalles: ein
Föhnsturm hatte das alte Gebäude 1911 völlig zerstört. Für 18'000 Franken,
stolze 140 % über dem Bau-Kostenvoranschlag, wurde 1913 das neue Badhaus
realisiert. Seit diesem Zeitpunkt steht in Seewen, so ist es aktenkundig,
während der Badesaison immer ein Bademeister im Amt:
1853 – 1913: kein
eigentlicher Bademeister
1913 – 1928: Georg Winterstein, Ibach
1929 – 1930: Ernst Schrag, Davos-Platz
1931 – 1948: Dominik Ott, Lauerz
1949 – 1978: Gusti Bolfing, Seewen
1979 – 2004: Joe Reichmuth, Rickenbach
Ein ganz besonderes Original war Badmeister Ott. So sei er des Schwimmens unkundig gewesen! Bei Ereignissen im Wasser habe er sich auf die Hilfe seiner Badegäste verlassen müssen. Tja, es war tatsächlich so: der Sitte und der Kontrolle der Bad-Regeln wurde viele Jahrzehnte einen höheren Stellenwert beigemessen als der Sicherheit der Badegäste im Wasser draussen… Der erste ausgebildete und brevetierte Badmeister im Kanton Schwyz war Gustav Bolfing-Kohler. Er war Bad-Leiter von 1949 bis 1978, trat also die Stelle an, als das dritte Badhaus (Vorgänger-Gebäude des heutigen Gebäudekomplexes) 1949 seiner Bestimmung übergeben wurde. Seit dieser Zeit teilen sich der Badmeister und die SLRG (Schweiz. Lebens-Rettungsgesellschaft) die eigentliche Kernaufgabe des Badmeisters, die Aufsicht der Badenden. Die Rückversetzung des Badhauses vom Seeufer ins Landesinnere machte die Bad-Aufsicht aus dem Badhaus praktisch unmöglich.
Vom Badaufseher
zum Betriebsleiter
Heute, über 50 Jahre später, hat wieder vieles geändert. Mit dem Neubau des
inzwischen vierten Bad-Hauses 1999 hat die Moderne am Lauerzersee Fuss gefasst.
Der Bad-Meister ist nicht mehr ‚nur’ Badmeister, sondern Leiter eines
Freizeit-Unternehmens mit bis zu 90'000 Besuchern jährlich. Endgültig vorbei
sind die Zeiten, wo sich der Badi-Besuch lediglich auf die Aktivitäten im Wasser
beschränkte. Heutzutage trifft man sich einfach in der Badi: zum Bade, zum ‚sünnälä’,
zum Cafétreff in der Gartenwirtschaft, zum Genuss der schönen Parkanlage, zum
Plausch-Spiel an den Töggeli-Kästen, den Tisch-Tennis-Tischen oder im
Beach-Volleyball-Spielfeld, zum Besuch einer Gross-Veranstaltung oder eines
-Festes auf dem Badi-Gelände oder einfach zum Genuss des einzigartigen
Sonnenunterganges zu allen Jahreszeiten. Dementsprechend umfassend geworden sind
die Aufgaben des Badmeisters. Er ist eigentlicher Leiter eines
Freizeitunternehmens mit gegen 20 Voll- und Teilzeitbeschäftigten.
Aufgabentrennungen sind unumgänglich geworden.
Ein starkes Duo:
die SLRG und das Betriebsteam
Die eigentliche Aufsicht am Wasser sowie die Betriebsleitung der gesamten Anlage
wird heute von quasi zwei Partien ausgeführt: der SLRG sowie dem Betriebsteam.
Das hat sich in den letzten Jahrzehnten mehr als bewährt. Währenddem die im
Rettungswesen ausbildeten Mitglieder der SLRG sich seit zirka 1949 immer an den
Wochenenden der Strandwache und dem eigentlichen Badebetrieb am Wasser widmen,
schaut der ‚Badleiter’ zum gesamten übrigen Betrieb rund um die Badanstalt.
Letzterer ist in all den Jahren nicht kleiner geworden, im Gegenteil! „Zwar sind
heute“, so Joe Reichmuth, „viele Betriebsabläufe und Handwerksarbeiten einfacher
als früher zu verrichten (insbesondere im Bereich Gastro), die Präsenzzeiten
durch die stets zunehmende Attraktivität der Gemeinde-Bad- und Parkanlage seien
dadurch aber nicht kleiner geworden. Auch bei schlechter Witterung sind mein
Team und ich ganztags mit Putz- und Reparaturarbeiten in der Badanlage
beschäftigt.“ Die Strandwache hingegen ruht an diesen Tagen. „Die Mitglieder der
SLRG und seit 1988 Dominik Imhof als 2. Badmeister tun ihren Job an den schönen
Tagen vorzüglich.“ Die Bilanz gibt dieser Aussage Recht. Seit 1949 mussten 5 Todesfälle beklagt werden, seit 1980 keiner mehr. Im Vergleich: registriert
wurden seitdem rund 3'850'000 Badegäste, bei etwa 70'000 durchschnittlich pro
Jahr!
In Pension mit
Wehmut
Klar, so Joe Reichmuth, erlebt habe er in all den Jahren sehr viel. Jährlich
gebe es einige ‚Müsterchen’, die in seinem ‚Tagebuch’ Eingang finden. Waren es
früher vor allem ‚Lausbubenstreiche’, über die das Team bei ihrer täglichen
Arbeit erlebten, so stelle er in den letzten Jahren eine zunehmende Kriminalität
fest. Von nächtlichen Einbrüchen in die Gebäulichkeiten bis zur grösseren
Gewaltbereitschaft, die er gerade diesen Sommer persönlich zu spüren bekam. Ihm
wurde nach einem Handgemenge eine Flasche ins Gesicht geschlagen. Solche
Erlebnisse will der Badmeister aber rasch vergessen. Er will künftig den Hobbies
nachgehen, die er wegen seines saisonalen Berufes vernachlässigen musste: der
Kunstkeramik, dem Fischen, dem Pilzsammeln sowie dem Reisen mit seiner Frau
Erika. „Ohne sie hätte ich den Job als Badmeister nicht 26 Jahre ausüben
können.“ Auch die Niederschrift seiner Erlebnisse in der Badi, insbesondere
statistisches Zahlenmaterial, will Joe noch vornehmen.
Anmerkung: Am 17. September 2004 ist die Bewerbungsfrist als Betriebsleiter/in und Gerant/in für das Seebad Seewen abgelaufen. Als Eigentümerin des Seebades Seewen wird die Gemeinde Schwyz in den nächsten Wochen den oder die Nachfolger/in von Joe Reichmuth bestimmen.
Ein Team nimmt Abschied: Joe und Erika
Reichmuth-Etter (hier mit Tochter Simone in der Mitte) verlassen nach
26-jähriger Tätigkeit den grössten Freizeitpark in der Gemeinde Schwyz, die Badi
in Seewen.
Die rechte Hand des Betriebsleiters: Dominik Imhof
gehört seit 1988 ebenfalls fest zum Badi-Team.
Waren sogar 30 Jahre für das Wohl der Badibesucher da:
Gusti und Lilly Bolfing-Kohler.

Vom Badiaufseher zum Betriebsleiter: Die Gemeinde
Schwyz sucht für das Seebad in Seewen eine/n neue/n Chef/in.
Rettung am Wasser: Heute sorgen sich während der
Woche Dominik Imhof und an den Wochenenden die SLRG um das Wohl der Badenden im
Wasser.

Die Badi ca. 1950: Damals galt noch die Trennung
zwischen Männerbad und Frauenbad.
(Fotos: Peter Rickenbacher und Privatarchive)
(Quelle: Bote der Urschweiz, 30. September 2004, Seite 9)

(Quelle: Bote der Urschweiz, 3. November 2004, Seite 4)