Ein lebendes Fossil mit
heilender Wirkung
Der Ginkgo biloba verzaubert mit seinen goldfarbenen Blättern die
Landschaft und erfreut manch Menschenseele
Bäume gehören zum Landschaftsbild wie markante Häuser, Hügelzüge oder Gewässer. Wer jetzt den goldenen Herbst in freier Natur geniesst, der stösst auf einen Baum, der irgendwie ‚fremd’ in unserer Region wirkt. Denn er erstrahlt seit Tagen wie kein anderer in sattgoldenen Farben. Es ist der Ginkgo biloba, ein millionenalter Überlebenskünstler. Erst seit wenigen Jahren ist er auch in unserer Region wieder ‚in die Mode’ gekommen. Da und dort finden sich Jungbäume. Wer mit offenen Augen durch die Gemeinde Schwyz geht, findet mindestens acht Ginkgos…
Von Peter Rickenbacher
Nicht nur Botanikern fällt er jetzt auf,
der dunkelgelb-gefärbte Ginkgo biloba, auch Entenfussbaum genannt. Der wohl
bekannteste seiner Gattung in der Gemeinde Schwyz steht an der Hirschenstrasse
in Unterseewen beim ‚alten Badhotel Rössli’. Dank seiner Grösse von über 30
Metern überragt er sämtliche umliegenden Dächer deutlich, und seine herbstliche
Farbe wirkt zweifelsohne als Blickfang. Den Spaziergängern fallen die vielen am
Boden liegenden Blätter auf - vor allem ihrer Form wegen. Sie sehen aus wie
Elefantenohren oder
Entenfüsse.
Geschichte des Ginkgo
Die Ursprünge des Ginkgo-Baumes gehen auf gegen 300 Millionen von Jahren zurück.
Schon bevor die Saurier lebten sollen Vorfahren des Ginkgo die Erde grossflächig
besiedelt haben. Während der Eiszeit dann ging die Besiedlungsfläche des Baumes
zurück. Eines der wesentlichen Merkmale des Ur-Gingko-Baumes waren die
feingabeligen ausgebildeten ‚Blätter’ oder ‚Nadeln’. So gab es neben zungen- bis
nadelförmige Blätter auch zwei- oder vierfach geteilte. Während eines Millionen
Jahre dauernden Entwicklungsprozesses entstand aus diesen Urformen das heute
weithin so bekannt und symbolhafte zweigeteilte Ginkgoblatt. Dieses aus den
einstigen Nadeln zusammengewachsene Fächerblatt ist ein Phänomen in der
Pflanzenwelt, das schliesslich diesem Baum seinen besonderen Reiz verleiht. Ein
typisches Charakteristikum ist der mehr oder minder tiefe Einschnitt des
Blattes. Die Farbe der Blätter variiert zwischen hell- und graugrün im Frühling
bis zu herbstlich goldgelb. Meistens fallen sie anfangs November ab. Eine
Besonderheit des Ginkgo ist hierbei, dass alle Blätter an einem einzigen Tag
abfallen können. Die Blätter sind relativ dick und fühlen sich an, als wären sie
mit einer dünnen Wachsschicht überzogen. Ein Baum kann in 100 Jahren etwa 40
Meter hoch werden. Bei den Botanikern ist der Ginkgo taxonomisch weder bei den
Nadel-, noch bei den Laubbäumen eingeordnet. Für ihn wurde eine eigene
Pflanzenfamilie geschaffen, jene der Ginkopflanzen (Ginkgophyta). Sie umfasst
heute nur noch eine einzige Art: den Ginkgo biloba. Da heute alle andern
Ginkgo-Gattungen ausgestorben sind, gilt der Ginkgo biloba als das älteste
lebende Fossil der Pflanzenwelt.
Ginkgo und seine vielen Namen
Im Wandel der Zeit hat der Ginkgo eine Vielzahl von Namen erhalten. Ursprünglich
leitet er sich vom chinesischen Yin Xing ab, was wörtlich „Silberaprikose“
heisst. Diese Bezeichnung erhielt er wegen den silbrig-schimmernden
Samenanlagen. Im Laufe der Zeit gelangte der Name von China nach Japan. Dort
wurde der Baum als Ginkyô bezeichnet, was übersetzt (jap: Gin ist „Silber“ und
Kyô ist „Frucht“) heisst. Im Japanischen wird der Baum heute Ichô genannt, was
wörtlich Entenfussbaum bedeutet, weil die Blätter den Füssen einer Ente ähneln.
Gerade die spezielle Form, inklusiver jene der Blätter, hat im Laufe der Jahre
die Phantasie seiner Betrachter angeregt. Fast in jedem Land hat der Baum so
einen speziellen Namen. Im deutschsprachigen Raum wird der Baum wie folgt
genannt: Beseeltes Ei, Elefantenohrbaum, Entenfussbaum, Fächerblattbaum,
Frauenhaarbaum, Goethebaum, Goldfruchtbaum, Grossvater-Engel-Baum, Japanbaum,
Japanischer Nussbaum, Mädchenhaarbaum, Silberaprikose, Tausend Taler, Tempelbaum
und Weisse Frucht.
Der Ginkgo und seine europäische ‚Wiedergeburt’
Sein Wiederaufblühen erlebte der Ginkgo in der neueren Zeit etwa 1000 nach
Christus. In ganz Ostasien wurde er als Tempelbaum verbreitet und auch auf die
Koreanische Halbinsel sowie nach Japan exportiert. Als erster Europäer entdeckte
der deutsche Arzt und Botaniker Engelbert Kaempfer den Baum im Jahre 1690
während einer Pflanzenexpedition in Japan. Er beschrieb ihn erstmals
wissenschaftlich im Jahr 1712, wobei er den chinesischen Namen Ginkyo
verwendete, und irrtümlich in seiner Schreibweise das „y“ durch ein „g“
ersetzte. Seither sitzt das „g“ in seinem Namen fest. Im Jahre 1730 soll – so
die Überlieferungen – der erste Ginkgo nach Europa gebracht worden sein. Dann
folgte seine Verbreitung relativ rasch. Allerlei Zeitgenossen fanden Gefallen an
diesem speziellen Baum. Einer der besonderen Verehrer war Wolfgang Johann
Goethe. Er erwähnte den Baum sogar in einem Gedicht und liess in Jena
(Deutschland) einen pflanzen.
Der älteste Gingko in der Gemeinde Schwyz ist jener in Unterseewen. Er dürfte
aller Wahrscheinlichkeit nach zirka 1807/1808 gepflanzt worden sein. Aus
Überlieferungen geht hervor, dass die Flutwelle des Lauerzersees – verursacht
durch den Goldauer Bergsturz am 2. September 1806 – die Vorgängerbaute des
heutigen ‚alten Rössli’ weggeschlagen hatte. Hieraufhin folgte ein Neubau und
wohl mit ihm die Bepflanzung der Gartenanlage.
Mythos Ginkgo – und seine Resistenz
Der Grund für die besondere Bedeutung des Ginkgo ist die asiatische Philosophie
des Baumes. Das besonders zweigeteilte Blatt und seine Zweihäusigkeit (es gibt
männliche und weibliche Bäume) wurden schon früh mit dem Symbol des Yin-Yang –
dem Inbegriff der Harmonie – in enge Verbindung gebracht. Die schlanke
aufstrebende Wuchsform wird mit Aktivität und Lebenskraft gleichgesetzt, während
die Blätter Sanftheit und Weichheit darstellen. Zusätzlich vereint der Ginkgo
Robustheit, Langlebigkeit, Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit in sich.
Männliche Bäume haben eher einen säulenförmigen Wuchs, weibliche einen
kugelförmigen. Der Ginkgo gilt als besonders hitze-, strahlungs- und
krankheitsresistent. Deshalb wird er als heiliger Baum betrachtet und als
Tempelbaum verehrt. Zur modernen Mythenbildung wesentlich beigetragen hat auch
die Geschichte des Tempelbaumes im japanischen Hiroshima. Dieser sei bei der
Atombombenexplosion in 800 Metern Entfernung zum Bombeneinschlag in Flammen
aufgegangen, habe aber im nächsten Frühjahr wieder ausgetrieben und
weitergelebt.
Ginkgo und seine heilende Wirkung
Auch als Nahrungsmittel und in der Heilkunde findet sich der Name Ginkgo seit
Jahrhunderten. Der weibliche Baum spendet im Herbst Nüsse, die in einer
stinkenden Hülle zu Boden fallen. Geniessbar sind das Fruchtfleisch und die
Samen. Ginkgopflaumen schmecken süss und pflaumenartig. Bei uns sind
Ginkgopflaumen nur in der Konserve erhältlich. Die Samen bzw. Kerne dienen in
gerösteter oder gehackter Form als Gewürz in der asiatischen Küche. Die Blätter
werden seit etwa 2800 Jahren vor Christus in der Heilkunde verwendet. Um die
Heilkraft des Baumes ranken sich Legenden. Im Mittelalter wurden Blätter zur
Behandlung von Asthma, Bronchitis, Frostbeulen, Gonorrhoe, Hautkrankheiten,
Husten, Magenleiden, Tuberkulose und Unruhezuständen verwendet. Verabreicht
wurden sie als Heiltee und Wundpflaster. Heutzutage wird dem Ginkgo (Früchte und
Extrakte aus Blättern) vornehmlich eine durchblutungsfördernde Wirkung
zugesprochen; er wird oft zur Stärkung des Gehirns eingenommen. Grund für die
positive Wirkung auf den Menschen ist vermutlich die hohe Konzentration an
Flavonoiden und Terpenoiden.
Der Baum im Trend
Ein Nachfrage beim regionalen Gartencenter Kündig in Ibach bestätigt: der Ginkgo
hat auch in unserer Region in jüngerer Zeit neue Freunde gewonnen. „In den
vergangenen Jahren durften wir jährlich so gegen 15 Stück in die ganze
Zentralschweiz ausliefern. Aufgrund seiner Eigenschaft, dass der Baum sehr
wetterresistent ist und er neu in verschiedenen Variationen erhältlich ist
(kleinwüchsig, säulenförmig, panachiert usw.), findet er in allerlei Gärten
Einzug.“ weiss Marcel Waltispühl, stellvertretender Geschäftsführer der Kündig
Baumschulen AG in Ibach, zu erzählen. Zu seiner wachsenden Popularität des
Ginkgo biloba beigetragen habe in jüngerer Zeit die Vermarktung seiner
Heilkräfte. „Die eher jüngeren Leute greifen nach allerlei Getränken, die der
Gesundheit und im speziellen der Hirnfunktionen förderlich sind.
Ginkgo-Getränken wird die Förderung der Durchblutung nachgesagt, also auch der
Hirnzellen. Die Einnahme von Ginkgo-Essenzen vor Prüfungen macht also durchaus
Sinn.
Da der Ginkgo so gut wie keine Schädlinge kennt und in nahezu jedem Klima und in jedem Boden gedeiht, kann er unter günstigen Bedingungen ein enormes Alter erreichen. Zum Jahrtausendwechsel erklärte das „Kuratorium Baum des Jahres“ den Ginkgo biloba zum Mahnmal für Umweltschutz und Frieden, und zum Baum des Jahrtausends. - Wow!
Hinweis: unter www.baum-des-jahres.de/bdjt.html sind weitere Infos über den Ginkgo biloba erhältlich.
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Die Standorte der acht bekannten Ginkgo-Bäume in der Gemeinde Schwyz:
- Hirschenstrasse, beim ‚alten Badhotel Rössli’, Seewen
- Schlagstrasse 74, einer westlich, einer östlich des Anwesens ‚Salzdirektors’,
Seewen
- Seewernstrasse 13, Seewen
- Bahnhofstrasse 37, Schwyz
- St. Martinsstrasse 46, westlich und östlich der Parzelle, Schwyz
- Gerbihof, Baumschule Kündig AG, Ibach
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Ein besonderes ‚Blatt’ eines besonderen Baumes: Ginkgo biloba, auf
Deutsch ‚Entenfussbaum’ genannt.
Ginkgo-Baum der Grösste: An der Hirschenstrasse in Unterseewen steht der
älteste und mächtigste Baum in der Gemeinde Schwyz.
Ginkgo-Baum die Graziöse: Süd-westlich des Anwesens ‚Eberlis Feld’ bzw.
‚Salzdirektors’ an der Schlagstrasse 74 in Seewen steht eine holde ‚Baum-Dame’.
Ginkgo-Baum leicht verdeckt: Rechts der Liegenschaft ‚Salzdirektors’,
d.h. süd-östlich des Anwesens an der Schlagstrasse 74 steht leicht
zurückversetzt ein weiterer Ginkgo auf Seebner Boden.
Ginkgo-Baum der Schnellwachsende: An der Bahnhofstrasse 37 streckt ein
Ginkgo seine Äste bis auf die Fahrbahn.
Ginkgo-Baum im Quartier zum ersten: An der St. Martinsstrasse 46 in
Schwyz ziert auf der östlichen Parzellen-Grenze ein etwa 15-jähriger Ginkgo-Baum
den Garten.
Ginkgo-Baum im Quartier zum zweiten: Ebenfalls an der St. Martinsstrasse
46 in Schwyz wächst (noch verdeckt) ein weiterer Ginkgo heran.

Ginkgo-Baum in der ‚Baumschule’: Auf dem Areal des Garten-Centers Kündig
in Ibach spriesst ebenfalls ein Ginkgo gegen den Himmel.
Ginkgo-Baum der Kleinste: Vis-à-vis des Gasthauses ‚Kreuz’ in Seewen
wurde diesen Sommer ein kleiner Ginkgo gepflanzt.
Eine der Besonderheiten des Ginkgo: Er kann bei rasch sinkenden
Temperaturen gegen den Gefrierpunkt innert Stunden sämtliche Blätter fallen
lassen. So geschehen im November 2003 (Bild unten entstand 24 Stunden nach Bild
oben).
Er ragt in satt-gelber Farbe über die Dächer von Seewen hinaus: Der
grösste und älteste Ginkgo biloba der Gemeinde Schwyz.
(Fotos: Peter Rickenbacher und Marcel Waltenspül)